• Ich muss gar nichts!

    Sicher haben Sie das auch schon mal erlebt. Irgendjemand sagt Ihnen, dass Sie etwas tun müssen und Sie denken oder sagen sogar „Ich muss gar nichts“. Aber ist das wirklich so? Müssen Sie nichts? Warum sagen Sie dann so oft, dass Sie etwas tun müssen?

    Aber lassen Sie uns einen Schritt nach dem anderen machen…

    Müssen wir wirklich nichts?

    Eigentlich müssen wir wirklich nur eine Sache: Sterben. Alles andere ist optional.

    Wenn ich meinen Klienten gegenüber diese Aussage tätige, dann höre ich oft „Das ist doch Blödsinn, wir leben schließlich nicht im Lala-Land“ oder „Na ja, bis auf die Steuern. Die muss ich bezahlen, da komm ich nicht drum rum“. Nun, lassen sie uns bei dem Beispiel mit den Steuern bleiben. Was passiert, wenn Sie einfach keine Steuern mehr bezahlen. Das Finanzamt wird sie anmahnen, wird Verspätungsgebühren verhängen und Ihnen schließlich den Gerichtsvollzieher schicken oder Ähnliches. In letzter Instanz werden Sie dann wahrscheinlich verklagt und landen im Gefängnis. OK, ich sehe ein, dass es geschickt ist Steuern zu bezahlen, wenn man diese ganzen Probleme vermeiden möchte, aber es ist keineswegs so, dass Sie wirklich zahlen müssen.

    Lassen Sie mich die Sache mit den Steuern mal anders formulieren: „Ich möchte Steuern bezahlen, weil das der Preis ist um in diesem Land frei leben zu dürfen“. Das hört bzw. fühlt sich doch gleich ganz anders an, oder? Bei genauer Betrachtung ist es immer so, dass wir nie etwas müssen. Sie müssen also auch nicht zum Zahnarzt gehen, wenn Sie Zahnschmerzen haben. Aber es wäre einfach sehr förderlich das zu tun, damit Sie die Schmerzen loswerden und schlimmere Konsequenzen vermeiden. Wenn Sie also das nächste Mal denken oder sagen, dass Sie etwas müssen, dann denken Sie einfach mal darüber nach, warum Sie das nicht tun müssen, sondern wollen.

    Oft höre ich dann auch „Was ein Blödsinn, das ist doch nur eine Formulierung. Wenn ich meine Wohnung bezahlen will, dann muss ich halt arbeiten gehen“. Klar, wenn Sie Ihre Miete bezahlen wollen, dann benötigen Sie Geld und um das zu bekommen ist es hilfreich, wenn Sie einer Arbeit nachgehen – keine Frage. Aber, wenn Sie den Satz mal umformulieren und daraus „Ich möchte arbeiten gehen um mir meine schöne Wohnung leisten zu können“ machen, dann hat das verschiedene Konsequenzen. Zunächst fühlt es sich für Sie ganz anders an, wenn Sie sagen „Ich möchte“ als wenn Sie sagen „Ich muss“. Probieren Sie das einfach mal aus. Schließen Sie mal die Augen und denken dann „Ich muss arbeiten gehen“ und dann versuchen Sie es mal mit „Ich möchte arbeiten gehen“. Sie werden feststellen, dass das damit verbundene Gefühl ein ganz anderes ist.
    Des Weiteren hat diese Formulierung noch zwei andere Vorteile. Der erste ist, dass die Arbeit für Sie plötzlich einen Sinn ergibt. Sie arbeiten um Ihre Wohnung zu finanzieren. Also, selbst wenn Ihnen Ihre Arbeit keinen Spaß macht, dann ist sie doch plötzlich sinnerfüllt, weil Sie Ihnen hilft Ihr Leben zu bestreiten. Der zweite Vorteil ist, dass Sie plötzlich auch die Freiheit haben sich einen anderen Job zu suchen. Das heißt, es zwingt Sie niemand mehr genau diese Arbeit zu machen. Viel mehr ist der Job nur ein Vehikel um Ihnen die Miete zu bezahlen.

    Formulieren Sie Ihre „Musts“ um, so werden Sie feststellen, dass das viele Vorteile mit sich bringt. Sie werden sich freier fühlen, mehr Sinn und mehr Optionen entdecken.

    Nicht zu müssen hat auch Nachteile

    Ich möchte aber nicht verheimlichen, dass es auch Nachteile haben kann, wenn Sie plötzlich nicht mehr müssen sondern nur noch wollen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Abends mit Freunden unterwegs. Es ist ein schöner Abend und es wird immer später. Plötzlich stehen Sie auf und sagen „Ich möchte jetzt gehen, weil ich morgen früh zur Arbeit möchte“. Sie können sich sicher sein, dass Sie ein paar irritierte Blicke ernten. Jemand der zur Arbeit „möchte“, fällt aus dem Rahmen. Wenn Sie den Mut haben, das so zu formulieren, dann werden Sie auch feststellen, dass Sie daran wachsen. Es stärkt Sie zu Ihren Bedürfnissen zu stehen und aus der selbst verordneten Opferrolle herauszukommen.

    Aber es gibt noch ein kleines Problem und ich muss zugeben, dass ich dafür keine wirkliche Lösung habe. Stellen Sie sich vor, dass morgens aus dem Haus wollen um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Ihre Kinder wollen aber noch mit Ihnen spielen und wollen Sie nicht gehen lassen. Da wird es auch für mein Gefühl etwas schwierig einfach zu sagen „Ich möchte jetzt lieber arbeiten gehen als mit Dir zu spielen“ und zu gehen. Die Meta-Botschaft wäre in dem Fall ja „Liebes Kind, die Arbeit ist mir wichtiger als Du“, was natürlich nicht so ist. Das Ganze Konstrukt mit dem „Ich möchte zum Job um Geld für Wohnung, Essen und Spielzeug verdienen, damit es dem Kind gut geht“ welches dahinter steckt, ist in dem Satz natürlich nicht enthalten. Wenn Sie sich die Zeit nehmen zu erklären, warum Sie jetzt zur Arbeit gehen wollen, dann ist das sicher auch OK, damit es bei Ihrem Kind nicht falsch ankommt. Aber gerade in dem Fall finde ich es akzeptabel auch mal zu sagen, dass man zur Arbeit „muss“. Aber bitte vergessen Sie nicht Ihrem Kind zu erklären, dass Sie das eigentlich wollen, weil Sie Geld verdienen wollen damit es der Familie gut geht. Sonst glaubt Ihr Kind auch irgendwann mal, dass es zur Arbeit muss.